Nachdem die Flüge infolge Unbenützbarkeit der Rollbahn von Sanga Sanga nach Zamboanga für einige Zeit ausfallen werden, muss ich jetzt in den sauren Apfel beissen und die Reise von Bongao nach Zamboanga mit einem Berg von Gepäck alleine bewältigen. Auf der "MS Doña Isabel", die uns in der Nacht vom 2. auf den 3. Juli 1990 von Sitangkai nach Bongao gebracht hatte, bin ich ja jetzt der einzige "fremdländische" Passagier. Die Überfahrt wird zirka 24 Stunden dauern und ich kann unmöglich die ganze Zeit meine Habseligkeiten bewachen. Mir graut ob dem Gedanken an die Seereise. Meine Freunde helfen mir am Nachmittag beim Verladen, im Oberdeck finden wir einen guten Platz, an der Reeling auf Steuerbord gleich hinter der Kommandobrücke. Ich habe mich da häuslich eingerichtet und harre der Dinge die da auf mich einstürzen werden. Ich verabschiede mich von den Freunden, mit denen ich die letzten Wochen hier im Sulu verbracht habe und schaue den Aktivitäten am Pier zu. Es herrscht noch immer ein emsiges Treiben im und um das Schiff. Es wird noch fleissig eingeladen, Reissäcke werden gestapelt, Gemüse, Früchte, Trockenfisch und in Kisten verpackte Güter werden im Bauch des Schiffes versenkt. Tonnagen von Kopra (das getrocknete Fruchtfleisch der Kokosnuss zur Ölgewinnung) wird sackweise von den Dockarbeitern über schwankende Planken auf das Schiff getragen. Das meiste wird mit Manneskraft auf den Schultern an Bord geschleppt, die schweren Stückgüter aber mittels einer handbetrieben Winde an Bord gehievt.
Um 20 Uhr legt das Schiff ab und verlässt den Hafen. Die Dunkelheit ist schon hereingebrochen und ein sternenklarer Nachthimmel verspricht eine angenehme Seefahrt. Wir umschiffen die Inseln Bongao und Sanga Sanga auf deren Westseite und folgen in nordöstlicher Richtung der Nordküste von TawiTawi. Der Kapitän hat zu meinem Schutz zwei Mitglieder der Crew delegiert, liebenswürdige, freundliche und interessierte Burschen. Gespannt folgen sie meinen Erklärungen zu den Sternenbildern des südlichen Abendhimmels. Die tropische Wärme und die Luftfeuchtigkeit lassen die Sterne heller erscheinen. Da strahlen sie erhaben im Dunkel der Nacht, der Orion, der imposante Skorpion und das Traumsternbild des Weltreisenden - das Kreuz des Südens. Nicht das kleinste Wölklein verdeckt das Gefunkel, keine Lichter an Land irritieren das Auge. Das gleichmässige, monotone Stampfen der Schiffsmotoren mischt sich mit dem Rauschen der vom Bug umgeackerten Wasseroberfläche. In den aufgewühlten Wogen flackert das Meeresleuchten, wie flüssiges Silber wirbelt es dahin - geheimnisvoll, faszinierend! Das Leuchten wird durch Plankton und Leuchtalgen verursacht. Plötzlich tauchen Delphine aus den silbernen Fluten auf, die Körper wie aus Edelmetall gegossen, wenn sie possenhaft über die Wogen springen. Verspielt begleiten sie uns ein Stück des Weges und demonstrieren ihre Schwimmkünste und Luftsprünge. Ebenso schnell sind sie wieder verschwunden, für Augenblicke glänzende Spuren hinterlassend. Ein Schwarm fliegender Fische kommt uns entgegen, taucht aus dem silberglänzenden Meer und gleitet pfeilschnell knapp über die Wasseroberfläche, nach 30 bis 100 Metern verschwindet er wieder in den Fluten. Nur schemenhaft sind gelegentlich grosse Wasserschildkröten zu sehen, die zum Atmen auftauchen. Im fahlen Licht der Gestirne gleiten wir an der Küste der Insel Tawi Tawi entlang und als Silhouetten sind die vorgelagerten kleinen Atolle zu erkennen. Nur undeutlich entdecke ich die wenigen Lichter von Languyan, wo wir einige schöne Tage erleben durften. Dann entschwinden die Inseln unseren Blicken. Noch lange geniesse ich das Schauspiel einer nächtlichen Fahrt durch exotische Gewässer. Bis gegen 2 Uhr dauert das fröhliche, angeregte Geplauder mit meinen neu gewonnenen Freunden über Gott und die Welt. Mich in guter Obhut wissend, senkt sich langsam der Schlafmantel über mich.
Schon vor Tagesanbruch weckt mich emsiges Treiben an Bord, bald werden wir Jolo erreichen. Der Kapitän und seine Führungscrew lädt mich zum Frühstück auf die Kommandobrücke ein - was für eine herrliche Rundsicht! Und dann darf ich sogar für eine halbe Stunde das Steuer bedienen, natürlich unter der gestrengen Aufsicht des Steuermannes. Welch erhabenes Gefühl, ein so grosses Schiff unter Kontrolle zu behalten! Dann die Geburt des neuen Tages, ein schnell heller und grösser werdender feiner Streifen am östlichen Horizont kündigt das Ende der Nacht an. Was für eine Stimmung, unbeschreiblich und unvergesslich, wie geschaffen für notorische Romantiker. Pastellfarben des Himmels in allen Schattierungen , noch schemenhaft und scheu aufleuchtend die kleinen Inseln bei Jolo. Die Dämmerung in den Tropen ist eindrücklich aber kurz und weicht schon bald dem hellen Tag. Gegen 6 Uhr laufen wir in den Hafen von Jolo ein. Wieder geschäftiges Ein-und Ausladen, neue Passagiere kommen an Bord. Das Pier gleicht einem Ameisenhaufen, scheinbar planlos laufen Hafenarbeiter mit geschulterten Säcken herum, Kisten werden hin und hergezogen.
Jolo ist die Hauptstadt der Provinz Sulu auf der Insel Jolo. Aus Sicherheitsgründen empfiehlt mir der Kapitän, nicht die Stadt und den Markt zu besuchen, zu wenig Zeit und zuviele Polizeikontrollen. Meine Begleiter besorgen mir einige Durian, eine willkommene Zwischenverpflegung auf der Weiterfahrt. Um 11 30 Uhr sind die Ladearbeiten abgeschlossen und wir lichten die Anker. Ich darf die Fahrt wieder auf der Kommandobrücke mit der herrlichen Rundsicht geniessen und zwischendurch das Steuern des Schiffes übernehmen. In der Zwischenzeit wird mein Gepäck durch die Crew bewacht. Wieder begleiten Delphine das Schiff und Riesenschwärme von fliegenden Fischen segeln um die Wette. Verschiedene Seevögel kreuzen gelegentlich unseren Kurs. So vergeht die Zeit schnell und als langsam die die Insel Basilan am nordöstlichen Horizont auftaucht, versinkt die Sonne am vergoldeten Horizont. Die Nacht bricht herein, die Lichter von Zamboanga liegen vor uns. Einige Minuten nach 19 Uhr fallen die Trosse und das Schiff wird im Hafen vertäut, die Dunkelheit bedeckt Meer und Land. Eine unübersehbare Menschenmenge wartet am nur spartanisch ausgeleuchteten Anleger, eine eher gespenstische Szenerie und mir graut davor, mit meinem Gepäckhaufen in dieses Tohuwabohu gespuckt zu werden. Ich warte noch, bis der grösste Teil der Passagiere ausgestiegen ist. In der Zwischenzeit hat die Crew bereits einen Pickup für mich und mein Gepäck organisiert und von vielen Heinzelmännchen wird alles zum breitgestellten Wagen getragen. Zwei der Freunde aus der Crew begleiten mich zum Lantaka Hotel. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön der ganzen Mannschaft inklusive der Heinzelmännschen der "MS Doña Isabel" für die Hilfe und die unvergessliche Reise. Der Preis für die Fahrt von Bongao nach Zamboanga betrug notabene lächerliche 130 Peso (ca 5.50 US$). So haben sich meine Bedenken und Horrorvorstellungen in Minne aufgelöst und gewandelt in eine meiner schönsten Reiseerinnerungen meines Lebens. |