Die Libellenfauna der Insel Sibutu ist, im Vergleich mit anderen philippinischen Inseln vergleichbarer Grösse, eher artenarm. Dies liegt im Wesentlichen daran, dass es keine Flüsse oder Bäche gibt. Am Fusse der einzigen Erhebung, dem Sibutu Hill (137 m. ü,M.), entspringen kleine Rinnsale, die aber nach wenigen Metern wieder im porösen Untergrund versickern. An einigen Stellen bilden sich nach Niederschlägen, die allerdings recht häufig sind, kleinere Tümpel und Weiher, in denen sich Libellen entwickeln. Hier handelt handelt es sich vor allem um Arten aus den Familien der Libellulidae und Aeshnidae. Der Regenwald, der sich früher fast über die ganze Insel ausbreitete und noch 1970 (Dupont & Rabor, 1973) grosse Flächen bedeckte, ist fast vollständig gerodet. Rund um den Sibutu Hill wächst noch, wenn auch schon stark ausgelichtet, wenig ursprünglicher Tropenwald. Heute herrschen auf der etwa 100 km2 grossen Insel Kokospalmenhaine und Buschwerk vor. Primärwald kann sich kaum mehr bilden, denn nach den Rodungen spülen die häufigen und starken Regenfälle den Humus in wenigen Wochen weg, bevor sich wieder ein Bewuchs bilden kann (siehe Bild). Ein weiterer Grund für die Artenarmut (insbesondere der Zygoptera) liegt sicher an der isolierten Lage der Insel. Arten der auf den Philippinen endemischen Gattung Risiocnemis fehlen ebenso wie die auf dem Archipel weit verbreitete und endemische Heteronaias heterodoxa. Bezeichnenderweise konnten auch keine Nachweise aus den Familien der Chlorocyphidae und Calopterygidae dokumentiert werden. Von den typischen „Urwaldarten“ habe ich nur Amphicnemis circularis, Teinobasis samaritis und Gynacantha alcathoe gefunden.
In der Literatur sind keine Aufzeichnungen über Libellen von Sibutu zu finden, überhaupt scheint es, dass noch keine Forscher die Insel nach Libellen abgesucht hat. Vor meinem dreiwöchigen Aufenthalt auf Sibutu erhielt ich Belegexemplare von meinen Freunden W. Catal (5 Exemplare, 5 Arten 1988), Colin G. Treadaway und „Dodong“ Theobaldo Borromeo (15 Exemplare, 9 Arten 1989). Meine Dokumentation 1990 erbringt 297 Exemplare, sodass für die Auswertung total 317 Belege dieser Arbeit zugrunde liegen.
ZYGOPTERA
Coenagrionidae:
1. Agriocnemis femina (Brauer, 1868)
Die kleinste Libellenart und ist auf den Philippinen weit verbreitet. Um den Sibutu Hill an jedem kleinen Tümpeln häufig, wird aber ob ihrer Kleinheit oft übersehen.
2. Amphicnemis circularis Lieftinck, 1974
Diese Art ist bisher nur von einigen Insel des Sulu Archipels nachgewiesen. Die Tiere flogen an kleinen Rinnsalen um den Sibutu Hill und sind im dunklen Schatten des Waldes nicht leicht zu entdecken. A. circularis fliegt wenig und sitzt getarnt zwischen den Uferpflanzen. Ausserhalb dieser dunklen Lokalitäten konnte ich diese Kleinlibellen nie entdecken.
3. Argiocnemis rubescens intermedia Selys, 1877
Eine auf den ganzen Philippinen häufige und weitverbreitete Art. Nur wenige Tiere an sauberen Tümpeln mit genügend Vegetation um Kaban Kaban beobachtet. Sie scheint auf Sibutu nicht häufig zu sein. Ideale Biotope sind ausserhalb der Waldflächen nicht vorhanden.
4. Teinobasis samaritis Ris, 1915
Auch T. samaritis ist, wenn auch lokal, über die ganzen Philippinen verbreitet. Sie sitzen unweit sauberen und fliessenden Wassern in der dichten Vegetation und sind sehr schwer zu entdecken. Unweit eines Rinnsals am Sibutu Hill fand ich ein einzelnes weiblichesTier. Diese Art und auch A. circularis von Sibutu verschwinden, wenn der Wald gänzlich zerstört ist.
5. Xiphiagrion cyanomelas Selys, 1876
Auch diese kleine, wenig auffällige Art ist lokal auf den Philippinen verbreitet. Sie fliegt in Lichtungen im Uferbereich kleinerer Gewässer mit genügender Vegetation. Auf Sibutu eher selten.
Lestidae:
6. Lestes quercifolia Selys, 1878
Das Verbreitungsgebiet scheint die Inseln Palawan (südliche Region), Basilan und das Sulu Archipel zu sein. Auf Sibutu waren die Tiere häufig an kleinen Rinnsalen um den Sibutu Hill und Kaban Kaban zu beobachten. Sie bevorzugen aber eher etwas offenere Stellen wie kleine Lichtungen.
ANISOPTERA
Aeshnidae:
7. Anax guttatus (Burmeister, 1839)
Eine prächtige grosse Libelle, die oft an grösseren Gewässern der ganzen Philippinen häufig ist. Jeden Tag konnten wir sie über dem grossen Teich bei Kaban Kaban fliegen sehen. Vor Einbruch der Dämmerung jagten sie weitab des Wassers auf Waldlichtungen und Strassen von Sibutu nach Insekten. A. guttatus ist weniger an Primärwald gebunden und auf Sibutu häufig.
8. Gynacantha alcathoe Lieftinck, 1961
Versteckt und einzeln lebend im Regenwald war es nicht leicht, diese Urwaldart zu entdecken. Die Tiere sassen tagsüber meist an kleineren Bäumen und flogen bei Störung nur kurz durch das Unterholz. Dem Flug der bräunlichen unscheinbaren Tiere vermochte man im Dunkel des Waldes nur schlecht zu folgen. Wie die vorige Art jagte auch sie in der kurzen Dämmerung auf Lichtungen und breiten Waldwegen nach allerlei Insekten. Hier wurden sie dann oft zur Beute von grossen, insektenfressenden Fledermäusen.
Nachgewiesen wurde die Art bisher von Sulu Archipel, Mindanao, Samar und Homonhon, also nur im südlichen Teil der Philippinen.
Libellulidae:
9. Agrionoptera insignis (Rambur, 1842)
Auf den Philippinen weit verbreitet findet man sie häufig an offenen Fliessgewässern, Seen und Teichen. Auf Sibutu um Kaban Kaban und in Talisay in grösserer Anzahl.
10. Brachydiplax chalybea Brauer, 1868
Auf Sibutu nur wenige Tiere dieser ansonst auf dem Archipel weit verbreiteten Art beobachtet, zumeist am grossen Wasserloch bei Kaban Kaban.
11. Camacinia gigantea (Brauer, 1867)
An einem grösseren flachen Teich in einer Waldlichtung flog diese grosse, auffällige Art sehr häufig. Auch am grossen Teich bei Kaban Kaban tauchten Exemplare gelegentlich auf. C. gigantea ist auf den ganzen Philippinen lokal verbreitet.
12. Cratilla lineata assidua Lieftinck, 1953
Überall an offenen Wasserstellen häufig, gelegentlich hatte ich auch einzelne Tiere am Strand fliegen gesehen. Auf dem ganzen Archipel verbreitet.
13. Diplacodes trivialis (Rambur, 1842)
Diese auf den Philippinen häufige Art flog auf Sibutu nur einzeln. Die Tiere lieben offene, sonnige, grasige Flächen, oftmals weitab des Wassers. Wegen ihrer Tarnfärbung und ihrer Kleinheit wird die Art oft übersehen.
14. Lathrecista asiatica (Fabricius, 1798)
Vereinzelte Tiere dieser weit verbreiteten Art konnte ich, oft weitab vom Wasser, auf grossen Lichtungen und in Kokospalmenhainen überall auf Subutu beobachten.
15. Lyriothemis cleis Brauer, 1868
Besonders nach Regengüssen konnte ich vereinzelte Tiere an Teichen und Pfützen beobachten. Auch sie ist auf dem Archipel weit verbreitet und auch an Reisfeldern häufig.
16. Neurothemis ramburii (Brauer, 1866)
Auf Sibutu häufig, allerdings mehr auf Lichtungen im Walde oder offenere Flächen mit Baumbestand. Zusammen mit der nachfolgenden Art wohl eine der am weitest verbreiteten Arten auf den Philippinen.
17. Neurothemis terminata Ris, 1911
Diese prächtige und auffällige Segellibelle war die häufigste auf Sibutu und wegen ihres auffälligen Habitus unübersehbar. Gleich Schmetterlingen segeln sie in leichtem Fluge um Gebüsche und Bäume, oftmals weitab vom Wasser. Im Gegensatz zur vorigen Art liebt sie mehr die offeneren Stellen.
18. Orthetrum pruinosum clelia (Selys, 1878)
Vereinzelte Tiere konnte ich regelmässig beim grossen Weiher bei Kaban Kaban beobachten. Die Art ist auf den Philippinen weit verbreitet und fast überall häufig.
19. Orthetrum sabina (Drury, 1770)
Eine sehr häufige Libelle und auf den Philippinen überall zu finden. Auch auf Sibutu konnte ich sie oft weit weg von Wasserstellen beobachten. Wegen ihrer dezent grün-gelb gesprenkelten Färbung fällt sie etwas weniger auf. Im Gegensatz zur nachfolgenden Art konnte ich sie nie in Schwärmen fliegend beobachten.
20. Orthetrum testaceum (Burmeister, 1839)
Diese sonst weitverbreitete Art konnte ich nur in vereinzelten Exemplaren notieren. Belege sind nur zwei vorhanden: 1 Stück 13.-17. Februar 1989 (Catal) und 1 Stück 13.-29. Juni 1990 (Treadaway und Borromeo).
21. Pantala flavescens (Fabricius, 1798)
Wohl die häufigste aller Libellen auf den Philippinen. Oftmals massenhaft über offenen, trockenen Plätzen weitab von Wasser segeln sie stundenlang einige Meter in der brütenden Hitze hin und her. Zur Beobachtungszeit auf Sibutu konnte ich allerdings nur wenige Tiere notieren, offenbar war nicht ihre Saison.
22. Raphismia bispina (Hagen, 1867)
Nur in wenigen Exemplaren festgestellt (nur 1 Beleg). Nicht überall häufig, aber auf den ganzen Philippinen an Pfützen, Teichen und Seen verbreitet.
23. Rhodothemis rufa (Rambur, 1842)
Von dieser Art nur ein Exemplar am grossen Wasserloch bei Kaban Kaban nachgewiesen. Ansonsten ist sie auf dem ganzen Archipel weitverbreitet und nicht selten.
24. Rhyothemis regia (Brauer, 1867)
Eine sehr hübsche und auffällige Libelle, die oft über Weihern und Pfützen auf Waldlichtungen segelt. Auch R. regia ist auf den ganzen Philippinen weit verbreitet und an gewissen Orten nicht selten.
25. Tramea transalpina euryale (Selys, 1878)
Recht häufig an Pfützen und am grossen Weiher bei Kaban Kaban. Die grosse, schöne Libelle fliegt besonders häufig auf Reisfelden, an Weihern und langsam fliessenden Flüssen und ist auf dem Archipel überall weit verbreitet.
26. Zyxomma obtusum Albarda, 1881
Tagsüber sind kaum Tiere dieser Art, die auf den Philippinen weit verbreitet ist, zu beobachten. In der Abenddämmerung aber fliegen sie, nur wenige Zentimeter über der Wasseroberflächen, in reissendem Zickzack-Flug über stehende Gewässer. Sie sind mit ihrer weisslichen Färbung sehr auffällig und entgehen dadurch kaum der Beobachtung. Auch beim Wasserloch von Kaban Kaban erschienen einzelne Tiere jeden Abend und es war jedes Mal ein Erlebnis, ihren Flugkünsten zuzuschauen. Kurz vor dem Einbruch der Dunkelheit verschwinden sie schlagartig
Kurzzusammenfassung
Von den rund 300 verschiedenen Libellenarten, die bisher auf den Philippinen nachgewiesen wurden, konnte ich somit 26 davon für die Insel Sibutu belegen. Wahrscheinlich könnte noch die eine oder andere Art mehr nachgewiesen werden, wenn zu einer anderen Jahreszeit geforscht würde. Es werden aber mit Bestimmtheit einige Libellenarten von der Insel verschwinden, wenn der restliche Wald abgeholzt ist, ganz abgesehen von Vogel-, Säugetier- und anderen Insektenarten.
Literatur:
DuPont, J. E. & D. S. Rabor 1973. South Sulu Archipelago birds. Nemouria 9: 1-44
Hämäläinen, M. & R. A. Müller 1997. Synopsis of the Philippine Odonata, with lists of species recordet from forty islands. (Results of the Roland Müller Zoological Expeditions to the Philippines, No. 14. Odonatologica 26(3): 249-315,
Gaulke Maren, 2001; Naturreiseführer Philippinen. Natur und Tier - Verlag GmbH, Münster,
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